Da draußen wartet die Natur Teil 2 – Die Erkenntnis

Um 6:30 Uhr fängt mein Arbeitstag an, der fast tagtägliche Wahnsinn. Die ersten Kunden kommen und der „All“-tag nimmt seine Lauf. In Gedanken schon beim Rucksack packen, noch mal einen Blick auf meine Packliste werfen. Wäre blöd, wenn ich etwas wichtiges vergesse und dann… warte… da fehlt noch etwas.

Wo soll es eigentlich hingehen?

Vor einigen Tagen habe ich schon Ausschau gehalten, wo ich meine erste Nacht im Freien verbringen könnte. Habe in den naheliegenden Wäldern nach geeigneten Plätzen gesucht und bis heute keine wirklich grandiose Idee gehabt.

Survival, grob übersetzt ein Synonym fürs Überleben in einer Notsituation. Also Augen zu und das Glücksrad mein Schicksal entscheiden lassen. Ich baue mir aus einem Holzblock, einem flachen Brett und einer Schraube eine Drehscheibe. Schreibe in den Ecken die Anfangsbuchstaben der 4 Himmelsrichtungen „N,O,S,W“ lege ein Blatt Papier mit dem Zielpfeil drunter und lasse es drehen.

Mein Ziel ist mein Schicksal

Innerlich zieht es mich schon eher in den Norden, viel Wald, viel Natur, viele Ecken, die ich bereits kannte. Es dreht sich 3, 4, 5, 6 mal um die eigenen Achse und bleibt schließlich an meinem Schicksalsziel stehen. Nordosten soll es sein, die Gegend, die ich nur durch viele Straßen, Pferdehöfe und Berge kenne. Aber o.k.- in einer Notsituation, kann ich mir die Gegend ja auch nicht aussuchen.

In der vorherigen Nacht gab es noch Bodenfrost, somit habe ich meine Packliste um einen dicken Schlafsack und eine Rettungsdecke erweitert.

Also stehen nun auf meiner allerersten Survival-Packliste folgende Dinge:

  • Hängematte + Tarp (eine Art Dach für die Hängematte, ist aber vielseitig einsetzbar)
  • Schlafsack (den extra dicken für die kälteren Momente)
  • Rettungsdecke (als Isomattenersatz)
  • Ewig zündendes Streichholz (dies wurde mir neulich bei Instagram als Werbung angezeigt, werde es mal testen)
  • Taschenlampe (für den nächtlichen Notfall )
  • Erste Hilfe Set (man weiß nie, wie geschickt ich mit meinem Survival Besteck bin)
  • Faltbarer Holzofen (ein abgesichertes kleines Feuer kann nie schaden)
  • Kompass (nicht nur um mein Ziel zu finden, sondern auch um den Ernstfall zu proben)
  • Spaten (wozu ich diesen benötige, weiß ich noch nicht, aber ich stecke ihn mal mit ein)
  • Kleines Beil (um kleine Äste zu spalten)
  • Ne Flasche Wasser, Teebeutel und ne Tütensuppe (hey, in einer Notsituation muss man ja vorbereitet sein)

Endlich Feierabend!

Sachen sind gepackt. Los geht’s.

Noch ein kurzer Blick auf den Kompass. Den Wecker gestellt.

Wieso den Wecker gestellt?

Na, Notfallsituation… Habe mir überlegt, ich laufe ca. 1 Stunde in die gewählte Himmelsrichtung und dann muss ich in 500 Meter Umkreis einen geeigneten Platz zum „Überleben“ suchen.

Ich überquere die Straße hinüber zum Erdbeerstand. Ich überlege kurz, ob ich mich noch mit leckeren Erdbeeren eindecke aber lasse es doch sein. Weiter über den geteerten Feldweg, zum Panorama Fahrradweg. Immer mal wieder ein Blick auf den Kompass. Noch zeigt die Nadel Nord-Ost, leicht abweichend in Richtung Norden. Ich verlasse den Sandweg des Pferdehofes und befinde mich nun auf der Hauptstraße. Dieser folge ich ca. 1 Kilometer und biege dann rechts ab in Richtung einer Unterführung. Der Weg zieht sich und meine Gedanken und die, kreisen um meine Packliste – habe ich an alles Nötige gedacht?

Die vielen Videos, die ich übers Übernachten im Freien gesehen habe, die Tipps der Social Network Gruppen. Immer wieder bin ich die Schritte zum Bau eines Camps in Gedanken durchgegangen. Das ist ein Klacks, das schaffe ich schon. Schritt für Schritt immer meinem Ziel entgegen. Es geht bergauf, und das mit knapp 15kg Gewicht. Das ist eindeutig viel zu viel, das kommt auf meine Verbesserungsliste.

Ich laufe nun schon eine Ewigkeit auf hartem Asphalt,rechts und links stehen Einfamilienhäuser mit großen Gärten und Garagen davon. Zur Not spanne ich mein Hängezelt in einen der Gärten, die Gesichter der Hausbesitzer möchte ich dann sehen. Meine Gedanken schweifen ab, nachdem ich ein Schild an der Mauer eines Hauses lese. „Original VW Teile“, ich habe weder einen VW zuhause noch kann ich original Teile in dieser Situation gebrauchen. Ein kleines Schmunzeln liegt auf meinen Lippen. Ein Paar Meter weiter mache ich Bekanntschaft mit der Familie „Hoff“. Eigentlich sehe ich nur ihr großes, aus Holz geschnitztes Namensschild am Tor ihres Grundstückes. Sofort assoziiere ich diesen Namen mit „Hoff“nung. Dieses kann ich nämlich jetzt am Meisten gebrauchen. Der Berg nimmt kein Ende. Ein Jogger kommt mir den Berg abwärts entgegen. Kurz denke ich mir: „ob er es auch schafft in diesem Tempo auch wieder hoch zu laufen?“. Es geht weiter. Der Countdown zeigt nur noch 10 Minuten an und hier gibt es weit und breit keine Möglichkeit, das Camp aufzubauen…

Der Wecker klingelt und es passiert, was ich schon vor 10 Minuten erahnte. Ich werde hier echt Schwierigkeiten haben, mich zur Ruhe zu setzten. Keine 15 Meter zur Hauptstraße, keine 50 Meter zum Krankenhaus. Spontan entscheide ich mich, meine Route zu verändern. Der Wald, den ich vom Berg aus entdeckt habe, sieht vielversprechend aus. Es folgen noch etwa 5 Kilometer. Ich bin jetzt gute 2 Stunden unterwegs, eigentlich waren nur knapp 60 Minuten angesetzt. Im Wald angekommen genieße ich die Ruhe. Ich kann mich wieder der Natur widmen, was ich mit träumenden und beobachteten Blicken durch die Bäume tue.

unbekannte Blumen, weiß jemand mehr darüber?

Eine knapp 4 Meter lange kleine Straße aus lila Blumen, deren Gattung ich in dieser Konstellation noch nie gesehen habe, stehen leicht vom Wind wedelnd am Wegesrand. Ich halte Ausschau nach einer versteckten Stelle, weit ab von den Wegen. Optimal durch Äste und Bäume verdeckt, noch ein paar passende Bäume für meine Hängematte und vielleicht noch eine freie Fläche für ein kleines Feuer zum Wärmen. Ich verabschiede mich von den Wegen, laufe durchs Dickicht des Waldes und werde endlich fündig.

Müdigkeit macht sich bemerkbar. Ca. 100 Meter vom Weg entfernt liegen große, alte Äste wie eine hohe Mauer um 3-4 Bäume herum. Das passt! Ich atme tief ein und wieder aus, nehme meinen Rucksack von der Schulter und gehe tief ich mich. Diese Stille, so wollte ich den nächsten Satz beginnen. Doch bevor ich mich an diese fast unberührte Natur labe, höre ich die Motoren eines Flugzeuges. Dieses Geräusch habe ich kurz vorher wohl innerlich verdrängen wollen, während ich mein Camp aufbaute. Nun kam es in intensiver, nahezu betäubender Lautstärke über mich.

Dank der Baum schonenden Schnellspanner hängt meine Schlafmöglichkeit schon nach wenigen Minuten fest an zwei Bäumen. Ein großer Schluck aus der Wasserflasche und los geht es, die Feuerstelle zu erstellen.

Das Tarp nur provisorisch rüber geworfen, man sollte sein Equipment vorher genau überprüfen

Wie war das doch gleich – tiefes Loch buddeln, Wind- und Sichtschutz bauen, geeignetes Holz sammeln. Schon beim Loch buddeln erkenne ich, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Ich befinde mich mitten in einem Laubwald. Der Boden ist mit einer mindestens 40 Zentimeter dicken Schicht Laub versehen. Unter dieser Schicht befindet sich weicher Lehmboden allerdings mit vielen versteckten Wurzeln versehen. Ich möchte keine Pflanzen unnötig beschädigen, daher beschließe ich nach vielen Bemühungen, meine Feuerstelle etwas zu manipulieren. Ich lege dicke Äste in das noch nicht ganz so tiefe Loch. Dies hat zwei Vorteile: ich führe dem Feuer von unten Sauerstoff zu und die Äste bieten Schutz vor unkontrolliertem Ausbreiten des Feuers.

Die Sache mit dem Feuer… Natürlich könnte ich mir jetzt aus Weidenholz, oder ähnlichem, einen Feuerbohrer basteln und viele Minuten damit verbringen etwas Asche zu erzeugen, um damit ein Feuern zu entfachen. Oder ich benutze die mitgenommenen Tampons und das Brenngel. Aus Zeit- und Gemütlichkeitsgründen siegt die letztere Variante. Eingetaucht in das Gel stelle ich die aufgeplusterten Tampons unter einer kleinen Schicht von dünnen gespaltenen Hölzern und entzünde es mit meinem Endlosstreichholz. Ein Versuch und es brennt! Schnell wird es um mich herum warm. Während das Feuer vor sich hin prasselt baue ich mein Nest weiter aus. Das Tarp über die Hängematte, meinen Schlafsack hinein und als Unterlage die Rettungsdecke.

Mit dem Feuer machen ist das so eine Sache

Eigentlich habe ich kein Hunger und bin echt müde, dennoch versuche ich, über dem Feuer mit meinen mitgebrachtem Feuergeschirr, einen Tee zu erwärmen. Plötzlich entsteht eine dicke Rauchwolke und bedeckt mich mit einem dichten Nebel. In geringfügiger Panik lösche ich das Feuer, in dem ich Erde drüber schütte. O.k., das Thema mit dem Feuermachen sollte ich nochmal überdenken und vor allem in einer sicheren Umgebung üben. Das Feuer ist gelöscht und ich packe meine Sachen für die Nacht zusammen. Wenige Meter von meinem Camp entfernt schaue ich mir noch die herabgehende Sonne an. Ein leichter Nebel steigt auf und es wird kälter. Außer den Flugzeugen, die ich nun sehr intensiv wahrnehme, kann ich noch keine außergewöhnlichen Geräusche aufnehmen. Ich ziehe meine Schuhe aus, meine Hose und meinen Pullover, lege meine Sachen in den Schlafsack und lege mich dazu. Wenn ich mich ganz doll konzentriere kann ich das Rascheln des Laubes hören. Ein Knacken eines Astes weiter weg und … ja, es war ein Bellen. Im ersten Moment dachte ich sofort an einem Hund. Doch das Bellen kam erst von links, dann wenige Sekunden später von rechts, dann von vorne. Sollte es wirklich ein Hund sein, ist er zügig unterwegs. Ich kann es leider nicht sicher sagen, aber ich vermute es ist das Bellen von Füchsen. Auch Rehe können bellen, das sogenannte „Schrecken“, hört sich mit viel Fantasie auch wie ein Bellen an, aber eher wie ein Elchruf oder wie ein kurzes Aufbellen. Dieses Bellen ähnelt aber eher einem scheuen Hund, der nach Seinesgleichen ruft. Es ist 22 Uhr und die Flugzeuge fliegen immer noch im 3 Minuten Takt über mich. Aus der Ferne höre ich die Autobahn und ein paar Menschenstimmen. In diesem Geräuschepegel bin ich schon etwas traurig. Wo sind die Geräusche, nach denen ich mich so gesehnt habe? Wo sind die Geräusche, die mich mit der Natur verbinden? Das Rascheln der Blätter, das knacken der Äste, das Klopfen eines hungrigen Spechtes, das Schreien der Eule, oder auch das Keckern eines Fuchses. All diese Geräusche kann ich durch den Lärm der Zivilisation nicht wirklich wahrnehmen. Es bedrückt mich, wie nah die Menschheit der Natur ist aber dennoch so weit entfernt. Baumelnd in meinem Schlafgemach grüble ich über diese traurige Erkenntnis nach und bekomme nicht mit, dass sich die Geräusche der Flugzeuge und Autos verringern. Ich bin kurz vor dem Einschlafen, als sich plötzlich etwas meinem Camp nähert. Es knackt ein Ast, dann wird es wieder still. Ein weiterer Ast bricht, dieses mal viel näher als der erste. Ich halte meinen Atem an um ganz still zu sein. Mir war klar, dass dies kein Mensch sein konnte, die Schritte waren zu vorsichtig und bedacht. Ich wage einen Blick durch meine kleine Luke und sehe, was ich vermutet habe, da mir ein bereits bekannter Geruch in die Nase stieg. Keinen Meter von mir entfernt steht ein Reh! Es schaut unsicher umher und galoppiert dann davon. Es wird wieder still. Diese unbeschreibliche Begegnung bringt mir ein Lächeln und eine Zufriedenheit ins Gesicht. Auch wenn ich kurz darüber nachdenke, vor was das Reh diese Scheu zeigt? Meine Augen schließen sich wieder und ich versinke in einen kurzen Schlaf. Es raschelt wieder, dieses mal ganz nah bei mir. Für ein Reh ist es zu schnell und hektisch. Dieses Mal kann ich nichts entdecken und beschließe meinen Fantasien freien Lauf zulassen und mir vorzustellen, welcher Waldbewohner dieses Geräusch erzeugen kann. Ich gehe die verschiedenen Tiere durch. Wie bewegt sich ein Hase, wie eine Maus, wie ein Fuchs. Ich beschließe, dieses Geräusch einer kleinen Waldmaus zuzuordnen.

Gute Nacht liebe Welt

Irgendwann kurz vor Mitternacht schlafe ich dann mit diesen sehr naturverbunden Augenblicken und Wahrnehmungen ein. Mit dem Waldduft in der Nase und den Waldbewohnern um mich herum verbringe ich meine erste Nacht im Wald.

Kurz vor 3 Uhr in der Nacht habe ich plötzlich ein urplötzliches Verlangen, einen Hahn zu erdrosseln. Ahhhh, dieser blöde Hahn aus der Nachbarschaft schreit, wie von Bienen gestochen, um kurz vor 3 Uhr. Das war es mit der schlummrigen Nacht. Ich döse noch etwas vor mich hin, spüre dann das eine oder andere kalte Lüftchen an meinem Körper und beende die Nacht um 6 Uhr.

Trotz der Nähe der Zivilisation, des Hahnes und der Kälte bringt mir diese eine Nacht eine ganz besondere Erkenntnis: Wir sind der Natur näher als wir denken, wir müssen nur unsere Sinne wieder benutzen um sie aufzunehmen.

Im nächsten Artikel werde ich eure Sinne etwas schulen. Ich werde euch zeigen, dass ein präziser Blick noch mehr Geheimnisse offenbart.

Bis dahin freue ich mich auf jeden eurer Kommentare.

Fortsetzung folgt….

hier kommst zum Teil 1 meiner Natur Reihe

4 Antworten auf „Da draußen wartet die Natur Teil 2 – Die Erkenntnis“

  1. Zu der Pflanze kann ich sagen dass es der japanische Staudenknöterich ist. Verbreitet sich ziemlich schnell und kann von daher sehr lästig werden.

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